Redetext Bildungsgerechtigkeit

Auftaktveranstaltung zur Inklusionskampagne der Stadt Frankfurt
08.09.2015 – 15.00 Uhr – Panoramabar des Schauspielhauses

Rede des Präsidenten der FRA-UAS zu Bildungsgerechtigkeit

Sehr geehrte Frau Stadträtin Dr. Birkenfeld, sehr geehrte Frau Henzel,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, heute im Namen der Frankfurt University of Applied Sciences als deren Präsident zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Wir leben heute in einer Zeit, die geprägt ist von einer enormen Fülle an Diversität. Diversität ist Normalität. Das sehen wir mit Blick in unsere Hochschule, genauso wie mit Blick in die Gesellschaft. Gleichzeitig ist es aber auch offensichtlich, dass wir uns sehr schwer tun, das Verschiedene unbewertet, also nicht negativ konnotiert, nebeneinander stehen zu lassen und gleichzeitig zu integrieren. Wir haben in unserer Gesellschaft – spreche ich heute auch zu dem Gesichtspunkt der Bildungsgerechtigkeit – ganz generell Probleme mit Unterschieden. Warum ist das so? Wir haben diese Probleme, da unser gesamtes Bildungssystem und auch das Wirtschaftssystem, welches zunehmend zur Leitdifferenz für das Bildungssystem und seine Organisationen geworden ist, nach wie vor an (wertenden) Unterscheidungen festhalten und danach aufgebaut sind – und das, obwohl das Bildungssystem gleichzeitig vorgibt, allen Menschen den Zugang zu Bildung ermöglichen zu wollen. Die These, die ich hier nur kurz anreiße, lautet, dass es das Jahrhunderte alte kulturelle Kapital ist, welches die Unterscheidung nach wie vor für salonfähig hält und es dadurch dem Bildungs- und Wirtschaftssystem so schwer macht, tatsächlich wertfreie Zugänge zu schaffen. Wo kämen wir denn da hin, wenn tatsächlich „alle“ einen freien Zugang, unabhängig vom Alter, zur Bildung hätten, wenn Bildung kein Distinktionsmerkmal mehr wäre? Unser Bildungssystem soll und muss nicht nur Bildungszugänge schaffen, es muss auch lernen, sich und seine Logik und Muster der Schließung zu beobachten, um sich tatsächlich verändern zu können. Das vorweg.

Wir leben heute in einer vielschichtigen Gesellschaft, die geprägt ist von Unterschieden, von Vielfalt auf allen Ebenen. Diese Diversität ist ebenso bereichernd wie notwendig, damit sich eine Gesellschaft weiter entwickeln kann. Denn Innovation ist nur da möglich, wo viele unterschiedliche Ideen aufeinander treffen und gemeinsam etwas Neues geschaffen wird.

Ausgrenzung wird jedoch zunehmend nicht mehr hingenommen. Vielmehr wird intensiv nach Wegen gesucht, Ausgegrenzte und Benachteiligte zu integrieren, sie aus Abseitspositionen heraus zu holen und ihnen die Chance zu eröffnen, das Potenzial, das in ihnen liegt, zu entfalten.

Auch diese Veranstaltung soll dazu beitragen, das Thema Inklusion und seine Bedeutung sichtbar zu machen und voran zu treiben. Allerdings ist Inklusion keineswegs ein Thema, das wie landläufig angenommen nur mit Menschen mit Behinderungen verbunden wird, es geht vielmehr ganz allgemein um Chancengleichheit, auch für sozial schwache oder alte Menschen − und nicht zuletzt auch für junge!

Genau an diesem Punkt kommt Bildung ins Spiel. Nelson Mandela hat einmal gesagt „Bildung ist die mächtigste Waffe, mit der du die Welt verändern kannst.“
Bildung spielt im Kontext (Inklusion und) Chancengleichheit eine ganz entscheidende Rolle – drei wichtige Punkte:

  1. Schulen sind Orte, an denen selektiert und – ja, man muss es so ausdrücken – aussortiert wird: Verhaltensauffällige Kinder werden auf Sonderschulen geschickt. Kinder, die von ihren Eltern nicht ausreichend unterstützt werden können, kommen in vielen Fällen nicht über die Hauptschule hinaus. Die Wege, auf die Kinder im Bildungssystem geschickt werden, beeinflussen – ja prägen – den Rest ihres Lebens und stellen Weichen, die sich nicht leicht korrigieren lassen.

  2. Unmerkliche Selektionen jedoch finden bereits vor dem Eintritt in das Schulsystem statt. Die Bildungsgeschichte der Eltern spielt dabei eine Rolle, ebenso das soziale Milieu in dem die Kinder aufwachsen. Dort werden bereits Bilder von Bildung, von Bildungswegen produziert und vermittelt; Werte beeinflussen, was man unter Bildung und Bildungsweg versteht.

  3. Unmerkliche Selektionen finden auch auf Seiten derjenigen statt, die dafür da sind, Bildung zu vermitteln, Chancen entstehen zu lassen: bei den Lehrenden. Diese sind bereits das Ergebnis eines ganz bestimmten Bildungsweges und Bildungsideals. Sie selbst haben ihre Bildungskarrieren im Kopf und versuchen

    Schüler/-innen auf den formal bestmöglichen Abschluss hin auszubilden, was immer noch das Abitur und daran aufbauend ein Studium bedeutet. Was dabei Gefahr läuft verloren zu gehen, sind die vielfältigen optionalen Perspektiven bunter, „meandernder“ Lebensläufe, die, unabhängig von einem einzigen Schulabschluss zu einem bestimmten Zeitpunkt, noch möglich sind.

Wer heutzutage mit einer Lehre startet, weil das die Potentiale sind, die in einer ganz bestimmten Lebensphase zu Tage kommen und zu fördern sind (hier: der praktische Bezug,

die praktische Intelligenz), hat morgen immer noch die Möglichkeit, Studieren zu gehen. Das ist ein Prozess, der beginnt altersunabhängig zu sein. Bildungsbiographien werden vermehrt individuelle Konstruktionen. Dieser Blick gehört vermittelt, da er aufzeigt, dass der Zugang zu Bildung zu jedem Zeitpunkt in Abhängigkeit der sich zeigenden Potentiale gewählt werden kann.

Seit langem sind sich alle einig: Bildungsgerechtigkeit soll allen Menschen den gleichen Zugang zu Wissen und Bildung ermöglichen; doch so weit sind wir eben noch nicht. Noch herrscht Unsicherheit wie lange dieser Zugang jedem Einzelnen gewährt werden soll.

Es ist nicht mehr ausreichend, dass der Bildungszugang in jungen Jahren sichergestellt ist; er muss in allen (bildungs-)biographischen Lebensphasen sichergestellt sein.

Deshalb hat sich unsere Hochschule dem lebenslangen Lernen verschrieben. Potentialentfaltung ist dabei das entscheidende Stichwort: Ob und wann sich das Potenzial zeigt, ist nicht abhängig vom Alter und der Bildungsinstitution, in der man sich gerade befindet. Vielleicht würde eine Veränderung in der Diskussion stattfinden, wenn man nicht mehr von Bildungsgerechtigkeit und Bildungszugängen spricht, als vielmehr von Potentialentfaltungsmöglichkeiten. Würden sich nämlich alle unsere gesellschaftlichen Organisationen (also auch Unternehmen, Verwaltungen, etc.) der Aufgabe verpflichten, bewusst nach Potenzialen Ausschau zu halten, dann dürfte unweigerlich die Folge sein, dass Menschen auch danach streben, diese zu verfeinern, sie zu entfalten. Dafür unabdingbar ist jedoch ein gelebtes Menschenbild, welches davon ausgeht, dass alle Menschen über Potenziale verfügen, die es bloß zu entdecken gilt.

Chancengleichheit in der Bildung bedeutet, dass jeder eine wirkliche Chance bekommt, seine Potenziale entdecken und entfalten zu können.

Eine gute Ausbildung – handwerklich oder akademisch – ist (in Deutschland) eine Grundvoraussetzung für beruflichen Erfolg. Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände oder ihres Gesundheitszustandes diese Qualifikationen nicht erwerben können oder mitbringen, bleiben oft auf der Strecke, bleiben außen vor, stehen im Abseits. Und wie beim Fußball ist es egal, wie viel Potenzial eigentlich in der im Abseits stehenden Person steckt: sie kann und darf es nicht nutzen!

Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, die Türen zu öffnen, damit die Fähigkeiten, die in jedem Menschen liegen, auch zur Geltung kommen und genutzt werden können, um an der gesellschaftlichen Entwicklung teilhaben zu können und diese mitzugestalten.

Und auch wenn es so sein sollte, dass wir aus einer ökonomischen Verwertungslogik das Potenzial eines z. B. geistig behinderten Menschen nicht entdecken können, so ist er für die

übrigen, die als nicht behindert gelten, ein Segen, können sie doch gerade durch den Kontakt zu ihm Empathie, Menschlichkeit, ein gelungenes soziales Miteinander erlernen. Dieses „soziale Kapital“, diese „sozialen Potenziale“ werden erst in der Berührung zum Behinderten gehoben.

Bildungsgerechtigkeit ist nicht nur als (individueller) wirtschaftlicher Faktor wichtig. Bildung ermöglicht differenziertes Denken, entwickelt die Fähigkeit, sich mit komplexen Fragestellungen auseinander setzen zu können, verschiedene Standpunkte nachvollziehen zu können, aber auch selbst seinen eigenen Standpunkt zu finden und argumentativ zu vertreten.

Das ist umso bedeutsamer, als wir in unseren Ausbildungssystemen primär die kapitalistische Arbeitsgesellschaft oder anders ausgedrückt die Ökonomie im Auge haben und dadurch die Entwicklung bestimmter Eigenschaften und Kompetenzen (unterbewusst) fördern, während andere eben nicht so dezidiert unterstützt werden. Zwar argumentieren wir, dass wir die Menschen so ausbilden wollen, dass sie in der Arbeitsgesellschaft ihren Platz finden, jedoch auf Basis der ökonomischen Tauglichkeit und Kompatibilität. Um es zugespitzt zu formulieren: in Unternehmen und Organisationen zählt buchstäblich nur Kompetenz, die ökonomisch verwertbar ist. Dass man sich dadurch anderer wertvoller Qualitäten – oder Chancen – beraubt, bleibt auf der Strecke.

Unser Bildungssystem – mit seinen Schulen und Hochschulen − das sage ich durchaus selbstkritisch, selektiert noch immer zu stark. Gerade die Bildungsinstitutionen in Deutschland könnten der größte Integrationsmotor für Chancengerechtigkeit sein, wenn es ihnen tatsächlich gelänge, Menschen in ihrer Besonderheit zu fördern und dabei zu unterstützen, die individuellen Potenziale eines jeden Einzelnen zu entfalten – persönlich sowie später in seiner Rolle im Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft. Das bedingt natürlich, Zeit zu haben, sich dem einzelnen Menschen widmen zu können. Zeit aber kostet Geld.

Die Frankfurt University of Applied Sciences versteht sich bereits heute als eine Ermöglicherin von Chancengerechtigkeit. Wir wollen Menschen und ihre (Bildungs-) Potenziale heben, die bislang (un)bewusst ausgegrenzt wurden. So bieten wir diverse Zugangsoptionen, um Menschen in dem aktuellen, hochselektiven Bildungsumfeld Fuß fassen zu lassen. In unserem forschungsorientierten Kinderhaus setzen sich beispielsweise bereits Kleinkinder mit Naturwissenschaften auseinander. Eine weitere wichtige Gruppe, deren Potenziale wir heben wollen, sind „Bildungsaufsteiger“, also (junge) Menschen aus Familien, in denen bislang eine akademische Ausbildung unbekannt war. Mit unserem Projekt „Chancen bilden“ unterstützen wir Schülerinnen und Schüler aus diesem Umfeld noch vor ihrem Schulabschluss in ihrer Vorbereitung auf ein Studium.

Im Bemühen um Chancengerechtigkeit durch Bildung steht eine ganz wichtige Zielgruppe bislang noch eher im Abseits: Menschen mit Berufserfahrung, die dem Bildungssystem im engeren Sinne entwachsen sind, nun aber aufgrund des sich wandelnden Arbeitsmarktes – Stichwort „Demografischer Wandel“ – als lernende Zielgruppe unter dem Schlagwort „Lebenslanges Lernen“ zunehmend interessanter werden. Im Rahmen unseres Projekts „MainCareer – Offene Hochschule“ eröffnen wir neue Wege, die eine Anrechnung der in praktischer Berufstätigkeit erworbener Kompetenzen vorsieht. Wir sprechen aber auch Berufsrückkehrer/-innen nach der Elternzeit oder Bachelorabsolventinnen und -absolventen, die berufsbegleitend studieren wollen, an. Ein großes Ziel ist auch, Studierenden mit Kind; insbesondere Alleinerziehenden oder solchen mit pflegebedürftigen Angehörigen ein orts- und zeitunabhängiges Lernen zu ermöglichen.

Das ist unser Verständnis von Chancengerechtigkeit und unser Beitrag, den wir engagiert und voller Überzeugung leisten. Wir sind nicht so vermessen, uns als Vorbild zu betrachten, aber wir freuen uns, wenn sich andere mit auf diesen Weg machen.

Lassen Sie mich angesichts der dramatischen Flüchtlingssituation noch ein paar wenige Worte verlieren. Jenseits der Dramatik des einzelnen Menschenlebens, welche unmittelbar mit den Gründen zu fliehen und der Flucht an sich verbunden ist, besteht die Dramatik in puncto Bildungsgerechtigkeit darin, dass wir uns selbst die Chance zur Potenzialentfaltung, zum Lernen nehmen: So lange wir die Flüchtlinge nicht als Menschen, als Potenzialträger, die wir dringend benötigen, betrachten, so lange wir nicht erkennen, dass sie ein Segen sind, weil wir demografisch gesehen längst auf dem absteigenden Ast sitzen, so lange wir nicht sehen, dass sie nicht das Problem und die Verschärfung, sondern der Schlüssel zur Lösung kultureller sowie religiös-extremistischer Problematiken sind, verschenken wir gesamtgesellschaftlich Bildungschancen, die die nachfolgenden Generationen ausbaden müssen. Wie gebildet wir tatsächlich sind, zeigt sich daran, wie wir mit den Flüchtlingen, unseren neuen Mitbürgern, umgehen. Das Bildungssystem kann hier als Vorreiter fungieren, in dem es auf breiter Front die Türen öffnet und somit tatsächlich Potenzialintegration leistet und endlich seine kulturellen Distinktionen überwindet.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!