Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung und was löst sie in Menschen aus?

Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung und was löst sie in Menschen aus?

Vortrag im Rahmen des Fachtages „Teilhabe sichern – Ausgrenzung umkehren. Vom Umgang unserer Gesellschaft mit Vielfalt“ am 13. Juli 2015

Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung und was löst sie in Menschen aus? Welche Antworten geben darauf die Dis/ability-Studies?

Petra Fuchs, Berlin (1)

Die Begriffe Ausgrenzung, Ausschluss oder Exklusion bedeuten, dass jemand aus unterschiedlichen Gründen [meist] gegen seinen Willen von einem Vorhaben, einer Versammlung, aus einer sozialen Gruppe oder sogar aus einer ganzen Gesellschaft ausgeschlossen wird. Ausgegrenzt werden können einzelne Personen oder ganze Gruppierungen aus einem sozialen Kreis, dessen Mitglieder meist eine Mehrheit bilden und sich „als die ‚eigentliche’ Gesellschaft verstehen.“ (2) Sozialer Ausschluss wird auf vielfältige Weise praktiziert und trifft nicht nur Menschen mit „Behinderungen“. Ausgrenzung ist vielmehr eine politische, soziale und kulturelle Praxis, ein Vorgehen gegenüber Individuen und Menschengruppen, die aufgrund bestimmter Merkmale wie Geschlecht, soziale und ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung, Alter, Aussehen/Ästhetik, körperliche, psychisch-seelische und geistige Verschiedenheit als „anders“ gelten und/oder als gesellschaftlich randständig wahrgenommen werden. (3)

In unseren heutigen europäischen Gesellschaften betrifft die Ausgrenzung oft große Gruppen der jeweiligen Bevölkerung: Menschen z.B. nichtdeutscher Herkunft und/oder nicht-weißer Hautfarbe, Flüchtlinge und Einwanderer_innen, Frauen und Mädchen, in Armut lebende Menschen, Arbeits- und Obdachlose, Prostituierte, Schwule, Lesben und Transsexuelle (andere Sexualität), Aids-Kranke und nicht zuletzt auch Menschen mit Behinderungen. (4) Gesellschaftliche Ausgrenzung ist in der Regel auch mit Ausschluss von Grundrechten verbunden, etwa dem Recht auf Bildung, dem Wahlrecht, dem Recht auf medizinische Versorgung, dem Recht auf Schutz vor Folter und politischer Verfolgung, dem Recht auf Sexualität und Familienplanung und auf ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben außerhalb von Institutionen. Soziale Exklusion kann zu einem sozial-, gesundheits-, ordnungs- oder staatspolitischen Problem werden und zu räumlicher Ausschließung, in Ghettos und Armenvierteln (Banlieus, Favelas), aber auch in Sondereinrichtungen, wie wir sie für Menschen mit Behinderung kennen, führen. Gesellschaftlicher Ausschluss geht einher mit dem Verlust an sozialen, politischen und kulturellen Teilhabemöglichkeiten und gefährdet das körperliche, psychisch-seelische und/oder geistige Überleben der Ausgeschlossenen.

Wir alle wissen, was Ausgrenzung ist, weil jeder Mensch im Laufe seines Lebens Situationen erlebt, in denen er oder sie „nicht dazugehört“: Zum Beispiel wird ein Schüler aus seiner Klassengemeinschaft ausgeschlossen, weil er keine Markenkleidung trägt. Die Eltern haben nicht das notwendige Geld, um ihrem Sohn die teure Wranglerjeans zu kaufen. Ein pubertierendes Mädchen wird von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern nicht zu den gemeinsamen Partys eingeladen, weil sie körperlich beeinträchtigt ist und nicht tanzen kann. Dies sind vergleichsweise „harmlose“ Formen des Ausschlusses, dessen weitestgehende Dimension körperliche Übergriffe, Verfolgung und sogar Vernichtung beinhalten kann.

Es gibt niemanden oder kaum jemanden, der die Erfahrung der Exklusion schätzt, denn das Ausgegrenzt werden ruft unangenehme Gefühle hervor: Angst, Traurigkeit, Wut, Aggression, Ohnmacht, Scham, Unverständnis, Einsamkeit und nicht zuletzt Gefühle der Minderwertigkeit. Die Mehrzahl aller Menschen erfährt sozialen Ausschluss allerdings nur als Ausnahme, etwa bei einzelnen Begegnungen mit anderen, das Erleben von Ausgrenzung ist auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt oder ereignet sich nur an einem einzelnen oder an wenigen Orten. Für die überwiegende Mehrheit der Menschen ist das Dazugehören „normal“. Für einige aber bildet der soziale Ausschluss die Regel, die „Normalität“ und er berührt (fast) alle Lebensbereiche: Freizeit und Schule, Ausbildung, Studium und Arbeit, soziales, politisches und kulturelles Leben und Miteinander, Beziehungen und Sexualität. Das Merkmal, das zur Ausgrenzung führt, ist beständig und erkennbar, es kann in der Regel nicht verändert oder versteckt werden, und es führt in fast allen Lebenszusammenhängen, an fast allen Orten, zu allen Zeiten, im Zusammentreffen mit fast allen anderen Menschen zur Exklusion. Die ausgegrenzten Personen oder Gruppen haben keine freie Wahl, sie können dem Ausschluss nicht entkommen oder ihm, wenigstens zeitweise, ausweichen.

Gegenstand meines Beitrags ist das Phänomen „soziale Ausgrenzung“, das im Folgenden in seiner geschichtlichen Bedeutung untersucht und dargestellt werden soll. Den Rahmen für diese Analyse bildet die Dis/ability History, die Geschichte von Behinderung. Dieser relativ junge Forschungsansatz geht davon aus, „dass die Beschäftigung mit dem ‚Unnormalen’ auch Aussagen über das ‚Normale’ ermöglicht, dass also die Analyse der Situation von Menschen mit Behinderung die Chance bietet, vorherrschende gesellschaftliche Normen und Werte zu untersuchen und gegebenenfalls zu hinterfragen.“ (5) Welche Antworten gibt die Dis/ability History

auf die Frage, wie gesellschaftliche Ausgrenzung funktioniert und was sie in Menschen auslöst? Wie fassen die Vertreter_innen dieses Forschungsansatzes den Begriff „Behinderung“ auf? Wie verstehen und erklären sie die Geschichte der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen? Welche Bedeutung messen sie dem Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit „Behinderung“ in der Vergangenheit für unsere Gegenwart und Zukunft zu? Diesen Fragen möchte mein Beitrag im Folgenden nachgehen, indem ich Veröffentlichungen aus dem mittlerweile breiten Bereich der Geschichte von Behinderung untersuche und auch eigene Beiträge mit einbeziehe.

Eingangs möchte ich zunächst erklären, worum es sich bei dem Forschungsfeld der Dis/ability History handelt, wie es entstanden ist und welche Ziele es verfolgt. Danach versuche ich zu erklären, wie der Begriff „Behinderung“ von den Vertreter_innen der Dis/ability History verstanden wird. In einem dritten und vierten Abschnitt stelle ich dar, welche Antworten dieses Forschungsfeld auf die Frage gibt, wie gesellschaftliche Ausgrenzung funktioniert und wie sie auf Menschen wirkt. Mit Blick auf die Fragestellung der heutigen Veranstaltung fasse ich abschließend die wichtigsten Fragen und Ergebnisse des vorliegenden Betrags noch einmal kurz zusammen.

Dis/ability History und Dis/ability Studies – „Behinderung“ neu denken

Die Dis/ability History/Geschichte von Behinderung ist ein wissenschaftlicher Zweig eines neuen inter- bzw. transdisziplinären, immer breiter werdenden Forschungsfeldes, das sich Dis/ability Studies nennt, sinngemäß etwa die „Wissenschaften von Behinderung“ oder „Studien zu oder über Behinderung“. Diese neue Forschungsrichtung hat sich seit den 1970er Jahren in den USA und in Großbritannien entwickelt, wo sie mittlerweile in Form von eigenen Lehrstühlen und Instituten, Forschungsprojekten und einer unübersehbaren Zahl an Büchern und Fachaufsätzen fest verankert ist. (6) Dort und ebenso in Kanada, Australien, Irland, Frankreich, Schweden und Norwegen sind die Dis/ability Studies inzwischen als eigenes Fachgebiet Bestandteil von fächerübergreifenden Studiengängen.

Seit Anfang der 2000er Jahre gibt es verstärkte und erfolgreiche Bemühungen, mit den Dis/ability Studies auch in Deutschland eine neue wissenschaftliche Sichtweise auf Behinderung zu verbreiten. Im Jahr 2002 gründete sich die bundesweite Arbeitsgemeinschaft „Disability Studies in Deutschland – Wir forschen selbst“, 2004 folgte die Internationale Forschungsstelle Disability Studies (iDiS) an der Universität Köln, und 2005 bildete sich an der Universität Hamburg das Zentrum für Disabilty Studies (ZeDiS). (7) Die erste Professur für „Soziologie und Politik der Rehabilitation, Disability Studies“ im deutschsprachigen Raum wurde Ende 2008 an der Kölner Universität geschaffen und 2009 mit der Soziologin Anne Waldschmidt besetzt.
Die Dis/ability Studies sind aus den Behindertenbewegungen der jeweiligen Länder hervorgegangen und verfolgen zwei grundlegende Richtungen, die teilweise miteinander verbunden sind: Einerseits zielen sie auf gesellschaftspolitische Veränderungen im Sinne der Emanzipation von Menschen mit Behinderungen ab, indem sie deren Teilhabe an allen Strukturen und Prozessen fordern, die sie betreffen. Dazu gehören auch die aktive Beteiligung an wissenschaftlicher Forschung und die Einbindung in den nationalen wie internationalen wissenschaftlichen Austausch. „Nichts über uns ohne uns“, (8) lautet das Schlagwort in diesem Zusammenhang. Unter Einbeziehung behinderter Menschen sollen mit Hilfe von Wissenschaft persönliche und gesellschaftliche Sichtweisen und Praktiken, also Verfahren im Umgang mit behinderten Menschen so verändert werden, dass diese die volle Anerkennung als Subjekte erreichen und ihre uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe möglich wird. (9) Neben der emanzipatorischen Zielrichtung der Dis/ability Studies steht die Erforschung von Phänomenen der Verschiedenheiten oder Andersheiten im Vordergrund, die über den Körper als Träger von Informationen hergestellt werden. Vertreter_innen der Dis/ability Studies bezeichnen „Behinderung“ deshalb auch als „verkörperte Differenz“ oder „verkörperte Andersheiten“. (10)

Ein wichtiger Schwerpunkt der kulturwissenschaftlichen Dis/ability Studies ist die Historisierung der Kategorie „Behinderung“. „Behinderung in der Zeit“ zu betrachten meint, sie „als geschichtliches Phänomen zu verstehen [...], als eine Begrifflichkeit, die zeitgebunden ist und sich wandelt, die eine Vergangenheit, eine Gegenwart und somit auch eine Zukunft hat.“ (11)

Wenn wir verstehen wollen, dass und wie „Behinderung“ gedacht und gemacht, konstruiert wird, dann benötigen wir Wissen über den Umgang mit behinderten Menschen in früheren Zeiten.

Der Begriff „Behinderung“ aus der Sicht der Dis/ability History

Da der Begriff „Behinderung“ aus der Sicht der Dis/ability History wandelbar ist, lässt er sich letztlich nicht eindeutig definieren. (12) Menschen mit ein und derselben Beeinträchtigung wurden in unterschiedlichen Epochen als „behindert“ oder „nichtbehindert“ eingeordnet. Nach Erkenntnissen der Sonderschulpädagogin, Germanistin und Judaistin Ruth von Bernuth, die sich mit „natürlichen Hofnarren“ in Mittelalter und früher Neuzeit beschäftigt hat, existierte „geistige Behinderung“ im europäischen Mittelalter noch gar nicht und wurde erst in späteren Jahrhunderten aus medizinischer Sicht als Krankheit bzw. „Behinderung“ gedeutet. (13) Ein weiteres Beispiel für die wandelbare Auffassung von „Behinderung“ sehe ich darin, dass im Rahmen der bundesrepublikanischen Bemühungen um die schulische Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen der 1980er und 1990er Jahren in zunehmendem Maße Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund unter den Begriff „Behinderung“ gefasst worden sind.

Die Dis/ability History denkt „Behinderung“ und „Normalität“ immer zusammen. Die Begriffe stehen in einer engen Wechselbeziehung zueinander, denn einerseits wird „Behinderung“ in Abgrenzung von einer Norm gedacht und hergestellt, andererseits wird „Normalität“ erst durch den Blick auf „verkörperte Andersheiten“, auf die „Abweichung“ erkennbar. Der Blick auf die Geschichte des Umgangs mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen etwa macht unausgesprochen deutlich, was zeitgeschichtlich als „unauffälliges“, „normales“ kindliches Verhalten galt. Verändert sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von „Behinderung“, dann ist auch die Sicht auf „Normalität“ wiederum eine andere. Der Forschungsansatz der Dis/ability History hält das Begriffspaar Behinderung/Nichtbehinderung für ebenso wichtig wie die Kategorien Klasse, Geschlecht, Alter, Ethnizität (nationale Herkunft) oder Religionszugehörigkeit, um soziale Ungleichheit zu untersuchen. (14) Insofern schreibt dieser Forschungsansatz nicht nur eine Geschichte der Behinderung, sondern er schreibt die allgemeine Geschichte mit Behinderung neu, wie es die Soziologin und Begründerin der Dis/ability History in Deutschland, Anne Waldschmidt, formuliert. (15)

Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung aus der Sicht der Dis/ability History?

Wie aber funktioniert Ausgrenzung aus der Sicht der Dis/ability History und was löst sie in Menschen aus, welche Wirkungen hat sie? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, wählen die Vertreter_innen dieses Forschungsansatzes einen anderen Untersuchungsgegenstand: Nicht „der_die Behinderte“ als Träger oder Trägerin bestimmter körperlicher Merkmale steht im Mittelpunkt von Untersuchungen zur Ausgrenzung, sondern die Kategorie „Behinderung“. Nach diesem Verständnis ist „Behinderung“ nicht einfach als „(natur-) gegebene“ Schädigung oder Beeinträchtigung, als ein fester, in der Person verankerter Tatbestand vorhanden, (16) sondern sie ist etwas „Hergestelltes“, Produziertes, Konstruiertes, gewissermaßen etwas Erdachtes und Gemachtes und damit auch veränderlich. (17)

Die Dis/ability History geht davon aus, dass Ausgrenzung mit bestimmten Mitteln, Handlungen und Verfahren der Gesellschaft erreicht wird. Ihre Vertreter_innen untersuchen daher nicht nur, wer, also welche Personen oder gesellschaftlichen Gruppen Exklusion betreiben, sondern auch welche gesellschaftlichen Mechanismen, Vorgänge und Strukturen, Denk- und Handlungsweisen zu sozialem Ausschluss führen.

Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass der Begriff, die Kategorie „Behinderung“ sozial und kulturell geprägt wird. Wie die Gesellschaft über „Behinderung“ denkt und wie sie auf dieses Phänomen reagiert, leitet sich aus sozialen Werten und Normen ab, es findet Ausdruck in Symbolen und Sprache, Traditionen und Institutionen/Einrichtungen, es schlägt sich nieder in Wissen, Ritualen und Praktiken sowie in Geschichte und Geschichten, „die eine Gesellschaft entwickelt hat und die sie in Erziehungs- und Bildungsprozessen an die Gesellschaftsmitglieder weiter gibt.“ (18) Um Ausgrenzungsmechanismen zu verstehen, müsste Forschung demnach zum Beispiel die vorurteilsbehafteten Vorstellungen über Menschen mit Behinderungen in der Geschichte und in unserer Gegenwart untersuchen und sich mit den Kategorisierungen beschäftigen, die die Gesellschaft an die Betroffenen heranträgt. Warum, könnte man fragen, wurden Menschen mit Lernschwierigkeiten im 19. und 20. Jahrhundert als „bildungsunfähig“ angesehen? Welche Personen oder sozialen Gruppen, welche Handlungen begründeten diese Vorstellung? Wie entstand und entwickelte sich dieses Denken über Menschen mit Lernschwierigkeiten? Welche sozialen und politischen Entwicklungen führten dazu, dass diese Auffassung sich über lange Zeit durchsetzte und das Leben, den Alltag von Menschen mit Lernschwierigkeiten über Generationen bestimmte?

Mit dem Blick auf soziale Werte und Normen, Symbole und Sprache, Traditionen und Institutionen, Wissen, Rituale und Praktiken betrachtet die Dis/ability History den Begriff mit Hilfe des kulturwissenschaftlichen Ansatzes. Damit kann sich der Standort des Betrachters oder der Forscherin verändern: Nicht die Lebenssituation behinderter Menschen wird aus der Wahrnehmung der „Normalen“ untersucht, sondern die „Normalen“, die Mehrheitsgesellschaft wird aus der Sicht der „Behinderung“ analysiert. Auf diese Weise lassen sich andere Fragen stellen, etwa wie Abweichungen und Normalitäten produziert werden oder wie gesellschaftliche Praktiken, der Ein- und Ausschließung, von Inklusion und Exklusion gestaltet sind und ablaufen.

Was löst Ausgrenzung in Menschen aus? Welche Antworten gibt darauf der Forschunsansatz "Dis/ability History/Geschichte von Behinderung"?

Wenn wir uns fragen, was gesellschaftliche Ausgrenzung in Menschen auslöst, dann müssen wir unterscheiden zwischen denen, die ausgegrenzt werden und denen eine passive Rolle zugeschrieben wird und denen, die ausgrenzen und einen aktiven Anteil an diesem Geschehen haben. Ausgrenzung funktioniert als Machtmittel, sie dient dem Erhalt von Herrschaft und dem Ausdruck vermeintlicher Überlegenheit. Sozialer Ausschluss, der von Personen und sozialen Gruppen getragen wird, sich aber auch durch Verhalten, Handlungen, Strukturen ausdrückt, weist allen Beteiligten bestimmte gesellschaftliche Plätze und damit Lebensmöglichkeiten zu. Exklusion ist mit Praktiken der Abwertung und Diskriminierung der Ausgegrenzten verbunden, sie beinhaltet Übergriffe, Verfolgung und Vernichtung derer, die ausgeschlossen werden. Motive für sozialen Ausschluss auf der Seite der Aktiven sind Angst, Misstrauen und Feindschaft. Welche Wirkungen Ausgrenzung haben kann, darauf gibt die Dis/ability History unterschiedliche Antworten. Arbeiten zur NS-Zwangssterilisation und „Euthanasie“ zeigen zum einen die Lebenswirklichkeit von Opfern dieser beiden Verbrechenskomplexe auf. Sie tragen aber auch dazu bei, diese Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit/Individualität zu zeigen und zu würdigen. Erinnerungsgeschichtliche Veröffentlichungen, die zunehmend unter Beteiligung von Menschen mit Behinderungen, insbesondere von Menschen mit Lernschwierigkeiten entstehen, und Aktivitäten, wie der 2014 in Berlin eingeweihte Gedenk- und Informationsort für die Opfer des NS-Patientenmordes in der Tiergartenstrasse 4, machen die breite nationale und internationale Öffentlichkeit mit auf diese „vergessenen Opfer“ aufmerksam und holen sie in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft. (19)

Für viele Menschen mit Behinderungen führt der soziale Ausschluss zu Gefühlen von Minderwertigkeit, die Betroffenen akzeptieren die abwertenden und diskriminierenden Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft für die eigene Person. Diesen Vorgang und seine Auswirkungen zeigt eine meiner eigenen Arbeiten, die sich mit dem „Reichsbund der Körperbehinderten“ in den 1920er und 1930 Jahren beschäftigt hat. Die Interessenvertretung Erwachsener mit körperlichen Beeinträchtigungen versuchte sich mit Machtergreifung der Nationalsozialisten gegen die abwertende Propaganda im Zusammenhang mit der NS-Erbgesundheitspolitik zu wehren. Die Vertreter des Bundes taten dies, indem sie den Anschluss an das Regime suchten. Die Mehrzahl ihrer Mitglieder sei „erbgesund“ und stolz darauf, „dem Führer“ „gesunden“ Nachwuchs schenken zu können, hieß es. Die Funktionäre des Zusammenschlusses setzten sich nicht nur für die Anwendung der Zwangssterilisation bei „erbkranken Krüppeln“ ein, sie schlossen darüber hinaus ihre langjährigen jüdischen Mitglieder aus dem Bund aus, setzten sich aktiv für die Eingliederung körperbehinderter Jugendlicher in die HJ ein und stellten/demonstrierten die Leistungsfähigkeit ihrer Mitglieder heraus. Das Motiv ihres Handelns war zum einen der Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe und Anerkennung als NS-Volksgenoss_innen. Zum anderen aber identifizierten sich die Bundesmitglieder mit der abwertenden Sicht des NS-Regimes auf die kranken und „behinderten“ Teile seines Volkskörpers.
Nicht immer und nicht zwangsläufig ist „Behinderung“ jedoch mit Ausgrenzung verbunden. Die Medizinhistorikerin Iris Ritzmann hat beispielsweise für Kinder und Jugendliche mit körperlichen Behinderungen in der Frühen Neuzeit (Mitte 13. Jh. bis 18./19. Jahrhundert) (20) – entgegen bisher bestehender Vorstellungen – herausgearbeitet, dass diese gut in die Gesellschaft integriert waren, Bildung erhielten, soweit dies möglich war, und in der Regel die emotionalen Zuneigung ihrer Angehörigen genossen. Aus wenigen überlieferten Ego-Dokumenten, also schriftlichen Äußerungen Jugendlicher mit einer körperlichen Beeinträchtigung, ließ sich ableiten, dass diese ihre „Behinderung“ nicht als allein bestimmendes Merkmal für ihr Leben wahrnahmen, sondern nur als eine Begleiterscheinung unter vielen anderen, die ihre Existenz prägte. (21)
In einer eigenen älteren Arbeit konnte ich über die Rekonstruktion/Erforschung einer Biographie zeigen, dass Beeinträchtigung nicht notwendigerweise zu sozialer Isolation und Ausschluss führt, sondern Mut zu einer unangepassten/nonkonformistischen Lebensweise machen kann. (22) Die körperbehinderte Sozialpädagogin Hilde Wulff (1898-1972) gründete in den 1920er Jahren nicht nur Heime zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen. Zusammen mit anderen behinderten Frauen setzte sie sich bereits in der Weimarer Republik für die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne körperliche Beeinträchtigungen ein und entwickelte pädagogische Konzepte für diesen „integrativen“ Unterricht. Im Unterschied zum Reichsbund der Körperbehinderten leistete Hilde Wulff ab 1933 darüber hinaus in vielfältiger Weise aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus. (23)

Schluss

Wie geht unsere gegenwärtige Gesellschaft mit Vielfalt um? Wie können wir Teilhabe sichern und Ausgrenzung umkehren? Wenn wir uns heute diese Fragen stellen, dann heißt das, dass wir uns darüber einig sind, eine Gesellschaft anzustreben, in der Vielfalt – eine Vielfalt an Menschen, an Lebensweisen- und -entwürfen, an Denkrichtungen – möglich sein soll. Wir stimmen darin überein, dass noch immer oder wieder bestehende soziale Ausschlüsse aufgehoben werden müssen und den Ausgeschlossenen volle Teilhabe und gesellschaftliche Zugehörigkeit ermöglicht und gesichert werden sollen. Die heute noch oder teilweise wieder ausgegrenzten Einzelpersonen oder Personengruppen befinden sich offenbar nach Auffassung gewisser gesellschaftlicher Mehrheiten in Europa nicht außerhalb unserer Gesellschaft, sondern sie gehören, ganz im Sinne des Inklusionsgedankens, bereits dazu. Die Gesellschaft ist gefordert, umfassende Anstrengungen zu unternehmen, um Diskriminierungen aufzuheben.

Der Blick in die Geschichte von Ausgrenzung und sozialer Ungleichheiten am Beispiel des Begriffs „Behinderung“ stützt die Überzeugung, dass sich die gesellschaftliche Wahrnehmung „körperlicher Andersheiten“ verändern kann. War die Vergangenheit von „Behinderung“ weitestgehend von sozialem Ausschluss, von der Besonderung der Merkmalsträgerinnen und – träger und von deren Absonderung in Einrichtungen abseits der Gesellschaft geprägt, so haben sich in der Gegenwart Menschen mit Behinderungen zunehmend für ihre volle gesellschaftliche Teilhabe und für die Wahrnehmung als eigenständige Subjekte eingesetzt. Ein Teil dieser Emanzipationsbestrebungen schlägt sich in der Einführung/Etablierung der Dis/ability History und den Dis/ability Studies nieder. Der Begriff „Behinderung“ hat – nicht nur damit – eine Zukunft, die es über den Rahmen der heutigen Veranstaltung hinaus gemeinsam zu gestalten gilt.

Fußnoten

1 Seit 2014 bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Alice Salomon Archivs der ASH Berlin tätig. Für Rückfragen bin ich unter der Emailadresse Aktivieren Sie Javascript um diese geschützte Email zu sehen. erreichbar.

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Exklusion, 12.07.15

3 Fuchs, Petra: „Behinderung“ in Deutschland – Aspekte der Kultur und Geschichte des Umgangs mit physischer, psychischer und mentaler Differenz, in: Anja Tervooren, Jürgen Weber (Hg.): Barrierefreiheit in Museen und Bibliotheken. Disability Studies, Planung und Praxis (= Schriften des Deutschen Hygiene-Museums Dresden), Wien, Köln, Weimar 2012, S. 133-151, hier: S. 133.

4 Dies gilt in besonderem Maße für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

5 Lingelbach, Gabriele und Schlund, Sebastian: Disability History, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 8.7.2014, http://docupedia.de/zg/, S. 3.

6 Albrecht, G., Seelmann, K., Bury, M. (Hg.): Handbook of Disability Studies, Thousand Oaks, California: Sage Publications, 2001.

7 http://www.disabilitystudies.de/index.html; http://www.zedis-ev-hochschule-hh.de; http://idis.uni-koeln.de.

8 Degener, Theresia und Diehl, Elke (Hg.): Handbuch Behindertenrechtskonvention. Teilhabe als Menschenrecht – Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2015.

9 Vgl. Waldschmidt, Anne (Hg.): Kulturwissenschaftliche Perspektiven der disability studies, Tagungsdokumentation, Kassel: Bifos, 2003, S. 14.

10 Lingelbach und Schlund 2014, Disability History, S. 3.

11 Waldschmidt 2003, Kulturwissenschaftliche Perspektiven, S. 18.

12 Lingelbach und Schlund 2014, Disability History, S. 1.

13 Bernuth, Ruth von: Aus den Wunderkammern in die Irrenanstalten – Natürliche Hofnarren in Mittelalter und früher Neuzeit, in: Anne Waldschmidt (Hg.): Kulturwissenschaftliche Perspektiven der disability studies, Tagungsdokumentation, Kassel: Bifos, 2003, S. 49-62.

14 Schmuhl, Hans-Walter und Winkler, Ulrike (Hg.): Welt in der Welt. Heime für Menschen mit geistiger Behinderung in der Perspektive der Disability History (= Reihe Behinderung - Theologie - Kirche - Band 6), Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 2013, S. 1.

15 Die Geschichte der Gesellschaft wird aus der Perspektive „Behinderung“ geschrieben.

16 „Behinderung“ wird nicht als „(natur-) gegebene, vermeintlich objektive, medizinisch-biologisch definierte Schädigung oder Beeinträchtigung verstanden.“ (Waldschmidt, Anne: „Behinderung“ neu denken, in: dies. (Hg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der disability studies, Tagungsdokumentation, Kassel: Bifos, 2003, S. ..., hier: S. 12.

17 Der eher „lockere“ Oberbegriff „Behinderung“ steht für eine bunte Mischung von körperlichen und geistigen Merkmalen, denen in der Regel nur das soziale Stigma der Abweichung gemeinsam ist. (Waldschmidt 2003, „Behinderung“ neu denken, S. 12, S. 13)

18 Waldschmidt 2003, „Behinderung“ neu denken, S. 16.

19 Locht, Volker van: Von der karitativen Fürsorge zum ärztlichen Selektionsblick: Zur Sozialgeschichte der Motivstruktur der Behindertenfürsorge am Beispiel des Essener Franz-Sales-Hauses, Opladen: Leske + Budrich, 1997; Fuchs, Petra, Rotzoll, Maike, Müller, Ulrich, Hohendorf Gerrit und Richter, Paul (Hg.): „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst“. Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“, 3. Aufl., Göttingen 2014 (1. und 2. Aufl. 2007). Tiergartenstraße 4 - Gedenk-Ort und Informations-Ort für die Opfer der national-sozialistischen „Euthanasie“-Morde. Texte in Leichter Sprache, hg. v. der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors, in Zusammenarbeit mit dem DFG-Erkenntnistransferprojekt „Erinnern heißt gedenken und informieren“ an der Technischen Universität München Ausstellungskonzeption und Texte: DFG-Erkenntnistransferprojekt „Erinnern heißt gedenken und informieren“ an der Technischen Universität München: Christof Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll, Jens Thiel, Bearbeitung der Ausstellung für die Leichte Sprache: Uta George, Susanne Göbel, in Zusammenarbeit mit: Anette Bourdon, Christine Groß-Manderbach, Elke Heinzelbecker, Anita Kühnel, Arnd Kunau, Klaus Lohmann.

20 Auch: Frühmoderne, Neuere Geschichte. In Europa bezeichnet dies den Zeitraum zwischen Spätmittelalter (Mitte 13.-15. Jahrhundert) und dem Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert.

21 Ritzmann, Iris: „Die der Welt und sich selbst zur Last sind“: Behinderte Kinder und Jugendliche in der Frühen Neuzeit, in: Traverse: 3 (2006), S. 73- S. 84, hier: S. 73, http://www.revue-traverse.ch/artikel/30/die-der-welt-und- sich-selbst-zur-last-sind-behinderte-kinder-und-jugendliche-in-der-fruehen-neuzeit. Quellenbasis waren Aufnahmeakten aus zwei hessischen Fürsorgeinstitutionen, dem „Hohen Hospital zu Haina“ (für männliche Insassen, 1747-1800) und dem „Hohen Hospital zu Merxhausen“ (für weibliche Insassinnen, 1721-1800).

22 Waldschmidt 2003, „Behinderung“ neu denken, S. 19.

23 Fuchs; Petra: Hilde Wulff (1898-1972): Leben im Paradies der Geradheit, Münster u.a.: LIT-Verlag, 2003.